FREMD

Frage zu stellen begleitet jeden Probenprozess. Fragen an die Thematik, an die Darsteller, an uns, an das Stück...
In der Vorbereitung auf die Proben für Das Fremde/ ALIENIdentität hat Johanna die folgenden Fragen an vertraute Bekannte gestellt:

Lest, kommentiert, teilt Eure Gedanken mit uns!

E:
''die/der/das Fremde/Unbekannte/Andere''

Einleitung

Was ist oder kann das Fremde, Unbekannte sowie Andere sein? Wo bzw. auf wessen Grundlage basiert diese Wahrnehmung, Beurteilung, Definition und zu welchem Resulat führt oder kann diese führen?

Das Fremde/Unbekannte/Andere ist zumeist in Abhängigkeit der eigenen Prägung wie Selbstreflexion das Gegenüber (nicht ausschließlich in Person, eher in seiner Vielschichtigkeit z.B. Leidenschaft/en - Gefühl, Handlung; Raumbezogenheit/Umgebungssituation - Interaktionen mit Menschen, Architektur, Geräten, Kulturen etc.). Eine Definition zur eigenen Verortung des Ich's in Kontext des gemeinschaftlichen Normativs oder dessen gesellschaftlichen Konsens. Hier vor allem vom zeitlichen Standpunkt und deren Perspektive/n aus betrachtet. Im weitesten Sinne kann davon ausgegangen werden, dass es ein essentieller Bestandteil des Identitätfindungsprozesses ist.

Im Kontext des Identitätsfindungsprozesses würde ich auch sagen, dass dieser bis man geht nicht ausdefiniert ist. Letztlich befinden wir uns in einer ständigen Bewegung und folglich auch in einem Wandel mit uns und unserer Umgebung. Von daher auch der zeitliche Bezug und die Perspektive auf die jeweiligen Fragen usw.

Bei dem Resultat in Bezug auf die Wahrnehmung, Beurteilung, Definition des Fremden/Unbekannten/Anderen kann also nur von einer temporären Erkenntnis ausgegangen werden.

Diese kurze und wahrscheinlich etwas kryptisch formulierte Einleitung nehme ich als Basis, um folgend auf deine an mich gestellten Fragen einzugehen.

Die Stichpunkte sind recht allgemein, aber vllt. sollten sie auch so gehalten sein. Letztlich werden diese bei jedem andere Gedankengänge/-stränge auslösen.

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S:

Erstmal ein allgemeiner Text: Grundsätzlich interessiert mich weniger 'das Fremde' als vielmehr das Gemeinsame. Am einfachsten findet sich das auch bei den speziell einfachen Dingen: zum Beispiel beim Essen & bei den Mahlzeiten. Ich finde, das hat einen erweiterten Gedankengang verdient. Das Essen kann die Kulturen zusammenbringen. Die Frage könnte dabei eine Bestandsaufnahme der jetzigen Essenskultur sein. Der Städter von heute geht in Kleinstgruppen zum Essen und die Fremden sind die an den anderen Tischen. Es gibt im Grunde fast nie Austausch schon über die kleinsten Grenzen hinweg. Wir sind nicht offen, mit anderen als unseren Begleitern zu sprechen. Wir wollen die Konzentriertheit des Gesprächs, keine Ablenkung, keine Störung. Wenn wir schon nicht mal mit den einfachsten Nachbarn ins Gespräch kommen, wie sollten die Menschen dann mit noch fremderen ins Gespräch kommen. Was ich sagen will: die Plätze der Begegnung sind rar, die Kultur des Gesprächs ist rudimentär. Wir leben in Netzen, die alle Netzknoten ausschließen, die nicht Teil unseres Netzes sind. (Mit Netz meine ich kein digitales Netz.) Das Essen als alle verbindende Kulturtechnik, die aus Notwendigkeit alle Menschen eint, hat die Potentialität (die innewohnende Kraft), uns alle zusammenzubringen, und gleichzeitig zu heilen, indem nebenbei auch noch unsere Kulturtechniken erweitert werden.

Ein Essen zwischen sich unbekannten Menschen könnte auch gut als Bild herhalten, um das Unbekannte als etwas zu beschreiben, auf das man neugierig sein kann. Zu Gast in einer fremden Familie kann man Dinge kennenlernen, die man noch nicht kannte. Neues kennenzulernen kann aber immer auch beinhalten, dass etwas dabei ist, was man nicht mag. Das kann Essen sein, vielleicht aber auch eine Kulturtechnik. Dies kann man auch weiterdenken, indem man sagt, dass man sich zum Beispiel auch vom Gewohnten entfremden kann. Eine Kulturtechnik, die in der eigenen Familie seit Jahrzehnten angewendet wird, findet man vielleicht irgendwann nur noch beknackt oder abstoßend. Man will sich abgrenzen und damit auch absichtlich entfremden, in seiner Familie oder in seinem Zuhause alles besser machen. In einer Familie ist man aber schon recht nah. Zu nah kann auch bedeuten, dass man sich irgendwie entfernen, auf Abstand begeben will. Der Gegensatz ist das Zu-Fern-Sein... bestimmt verwandt mit dem Zu-Fremd-Sein. Wenn man aus der Ferne schaut, sieht man unscharf... man muss erst näher kommen, um genauer sehen zu können. Sieht man im Unscharfen oder hört man nur Teile einer Geschichte können sich Bilder in Form von Vorverurteilungen aufbauen. Wenn man sich dem unbekannten Land nicht nähert, wird man die Vorurteile kaum abbauen können. Wenn man dem fremden Land aber näher kommt, können sich zum einen die Vorurteile abbauen, aber sie können auch bestätigt werden oder sich in Urteile ändern. Diese können aber sehr balanciert sein. Denn am Ende ist nichts schwarz-weiß, sondern immens schattiert und in Wandlung. Es wird eine Mischung aus gut und schlecht und allem darin und darum sein. Ich hatte lange Zeit immense Vorurteile gegen- über München, Bayern, aber auch Wessis. Diese Vorurteile sind heute allesamt gewichen. Ich habe ein sehr erweitertes Bild, dass viel schönes gesehen und erlebt hat, aber auch viele Dinge, die ich nicht mag. Diese waren aber nicht unbedingt Teil meiner Vorurteile. Und im Endeffekt ist eine sehr schöne Sache, Vorurteile aufzulösen. Es könnte als eine Kulturtechnik benannt werden. Man lernt etwas neues kennen und bekommt ein erweitertes Bild. Und das zu haben kann nur besser sein, wenn man die Welt, in der man lebt und agiert 'bewerten' und 'beurteilen' soll. Man muss das nicht, aber kann es, wenn man mit ihr interagiert.

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T:
Es gehört alles zu mir, was sich in meinem Meter abspielt - in meiner Sphäre. Alles andere ist mir fremd.

Meine Welt endet für euch in einem Umkreis von einem Meter von mir aus gesehen. Egal wo ich bin. Es ist meine Welt. Dies ist die Grenze zwischen mir und dir, zwischen mir und meiner Umwelt, dem Fremden. Permanent bin ich damit beschäftigt Grenzen zu ziehen. Von meiner exzentrischen Position her gehe ich durch viele Welten und erlebe mein Erleben meiner eigenen Welt. Durch meine eigene Welt hindurch und auch durch dich. Meine Mitte navigiert meine eigene Welt. Sie bestimmt die Handlungsoptionen zwischen mir und dem Anderen und zu meiner eigenen Welt. Diese eigene Welt muss ich nicht verlassen.

Meine Welt ist dynamisch in ihrer Ausdehnung, je nach Ausdehnung meiner Körperteile, vergrößert sich meine Welt oder verkleinert sich meine Welt. Benutze ich technische Prothesen, erweitert sich meine Mitte. Meine Mitte ist das Medium mit dem ich die Welt wahrnehme. Meine Mitte ist der Zugang zu meiner Welt und deren Umwelt. Meine Mitte ermöglicht dir Teil meiner eigenen Welt zu werden. Aber nur im Souverän meiner eigenen Mitte und entsprechend der inhärenten Handlungsoptionen. Vergiss deine bisherige Gewissheit, dass meine eigene Welt und deine eigene Welt durch eine Verbindung eine gemeinsame Welt entstehen lassen könnte. Du bist und bleibst Fremdobjekt. Selbst wenn du mit deinem Meter in meinem Meter eindringst. Gefühlt eigen, sachlich fremd.

Ich bin nicht human - not human. Denkst du?! Ich bin trivial. Denkst du!?

Ich besitze eine eigene Welt. Die meine Welt ist meine eigene Welt, egal was die Anderen sagen. Wer sind die Anderen überhaupt? Spiegelbilder, Phantasien, nichtmenschliche Akteure, andere fremde Welten. Andere Sphären. Spreche ich in der dritten Person von mir – mit Verdacht auf eine Distanz zu mir selbst? Nein, das ist doch nur meine Fähigkeit, mich selbst zu erleben. Meine eigene Welt.

Ich habe keine gefühlte Identität. Ui! Ich bin mich und selbst das Andere. Es ist meine Begierde nach Mitte. Das Andere sucht nach einem ausgewogenen Zustand zwischen dem eigenen Selbst und dem Genuss am Anderen? Suche nicht in der anderen Welt, sondern in der eigenen Welt. Im Erleben deines Erlebens von Anderen.